Häuptlinge in Groothusen

Etwa Mitte des 14. Jahhunderts endete die Zeit der friesischen Freiheit. Die alte Verfassung war verfallen, Wahlämter wurden erblich und aus dem Kreis der Richter und der durch Landbesitz oder Seehandel reich gewordenen Leute bildete sich der Stand der "Häuptlinge". Die Häuptlinge befestigten ihre turmartigen "Steinhäuser" mit Ringgräben und konnten ungestört Anführer und Richter ihres Dorfes oder Landstrichs sein. Sie mußten allerdings das Recht und die persönliche Freiheit der Einwohner achten, da sie sonst schnell ihre Gefolgschaft verlieren konnten. Infolge der dauernden Fehden wurde das Jahrhundert der Häuptlinge die unruhigste Zeit der ostfriesischen Geschichte.

In Groothusen waren seit Mitte des 14. Jahrhunderts die Beninga auf der stark befestigten Westerburg maßgebend. Sie erbten nach 1378 auch die von Udo Tiadekana errichtete Middelsteburg, die später auch "Redert Beningas starker Turm" genannt wurde. Die Osterburg war im Besitz der Familie Tiadekana, die von 1360 bis 1463 die Kirchenämter eines Probstes oder Dekans besetzte.
Kurz vor 1400 fiel die Osterburg allerdings in die Hände des streitbaren Häuptlings Folkmar Allena von Osterhusen, den das Volkslied "eyn man ock also ryke" nannte. Dieser mußte die Burg während des ersten Feldzuges der Hanse gegen die Seeräuber (u.a. Störtebeker) und ihre Beschützer, die Häuptlinge der ostfriesischen Westküste, zur Zerstörung ausliefern, um seine Hauptburg vor einer Belagerung zu retten. Am 14. Juni 1400 "brande wy unde legheden nedder eyn slod, dat hed Grotenhusen, dat horde Volkmar Allen", so berichteten die Hamburger Schiffshaupleute ihrem Rat. Folkmar Allena verlor nur, was er gewaltsam gewonnen hatte. Zeit und Art des Wiederaufbaus der Osterburg sind unbekannt. Die Burg wird zur Zeit der späteren Kämpfe in Groothusen nicht erwähnt, war also wohl militärisch bedeutungslos.

Die Beninga von Groothusen waren Verbündete des Focko Ukena von Leer zunächst gegen Ocko tom Brok, dann gegen die Cirksena von Greetsiel und Hamburg. 1435 eroberten die Hamburger und Cirksena nach heftiger Beschießung die Wester- und Middelsteburg und zerstörten die Westerburg, indem sie die Wälle schleiften und "die Tore, Türme und Mauern in den Graben warfen". Redward Beninga II.; der letzte selbstständige Häuptling zu Groothusen, der nach Holland geflüchtet war, beteiligte sich an drei mißglückten Landungsunternehmungen der Vertriebenen und geriet dabei in Gefangenschft. 1442 gab er auf und unterwarf sich der Herrschaft seines feindlichen Verwandten Ulrich Cirksena, der wegen genauer Beachtung des friesischen Rechts und Rückgabe des Besitzes seiner früheren Feinde großes Ansehen im Lande genoß und 1464 erster Graf von Ostfriesland wurde. Als 1450 zwischen Ulrich und Hamburg, das 1447 Emden zum zweiten Male besetzt hatte, offener Krieg ausbrach, wurde Groothusen von den Ostfriesen mit Wall und Graben befestigt. Bei dem Versuch, das Dorf zu erobern, wurden die Hamburger und Emder 1452 von einem Entsatzheer unter Sibo Attena von Esens geschlagen, bevor sie die Verteidiger überwinden konnten. Nach einer weiteren Niederlage zog Hamburg sich ganz aus Ostfriesland zurück.
Nach 1465 erbte Tiada Beninga, die einzige Tochter Redwards, zu den beiden väterlichen Burgen auch noch die Osterburg von den Tiadekana. Sie war in erster Ehe mit Lyawe Benen (Ukena) von Neermoor verheiratet, in zweiter Ehe mit Hajo v. Haren von der Papenburg, der sich von 1449-87 Häuptling von Groothusen nannte. Vielleicht wurde die heutige Osterburg noch zu ihren Lebzeiten erbaut.
Als Besitzer folgten Beno Lyawes und seine Frau Reinste Remetsna, danach Keno Benen und Hissa Habben von Wybelsum.
Keno Beningas Tochter Nomna Beninga war eine ungewöhnlich vermögende Frau. Ihrem Mann Wiard Meckena von Meckenaborg, Sohn des Emder Bürgermeisters brachte sie vier Burgen samt Ländereien mit in die Ehe: zwei in Groothusen, eine in Neermoor und eine in Wybelsum. Ihr Vater und ihr Mann fielen im Krieg, sodass sie schon 1530 Witwe wurde. Allerding verheiratete sie ihre fünf Töchter so gut, dass sie als "Urmutter" vieler ostfriesischer Häuptlingsdynastien gilt. Ihr Grabstein ist noch heute in der Groothuser Kirche zu bewundern. Darauf erkennt man das Wappentier ihres Vaters Keno Beninga, dessen Pelikan, der seine Kinder mit Blut füttert, dieses alte religiöse Symbol, kennzeichnet ihn in der Tradition der Pröbste von Groothusen - also in besonders hervorgehobener Stellung. Die weiteren Wappen lesen sich wie der "who is who" der Häuptlingsdynastien: oben links Cirksena, oben rechts Ukena. Ganz links außen das gespaltene Wappen mit dem Bären und dem Baum mit zwei Kronen gehört Nomnas Großmutter Reinste von der Osterburg.